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# W36-Zum Kern vordringen

Vergangene Woche las ich „Zum Kern vordringen“. Das Buch lässt sich grob in zwei Teile gliedern. Zuerst erklärt es den Kern als grundlegende Eigenschaft einer Sache, Ursache eines Problems und zugrunde liegende Logik eines Phänomens. Danach beschreibt es den Weg dorthin: mutige Hypothesen aufstellen und sorgfältig prüfen.

Das Buch ist voller Methoden und Modelle. Zum Glück habe ich zwei Jahre an meinen Grundlagen gearbeitet und kann viele Abstraktionen mit konkreten Situationen verbinden. Die Lektüre gefiel mir und brachte immer wieder kleine Einsichten. Für viele unscharfe, gewohnheitsmäßige Denk- und Arbeitsweisen des Alltags fand ich klare Formulierungen, bewährte Modelle und Methoden.

So fiel mir auf, dass sich mein natürliches Vorgehen bei der Diagnose von Produktionsproblemen weitgehend mit Mills fünf Methoden beschreiben lässt.

Oder die Frage, wie man definiert und was eine gute Definition ausmacht. Bisher verließ ich mich eher auf Gefühl und Logik, konnte aber kaum erklären, worin diese genau bestanden. Das Buch zitiert Aristoteles’ Verständnis der Definition: Gattung, also Gemeinsamkeit, plus spezifischer Unterschied. Einige Beispiele machen das sofort verständlich. Man kann den Menschen als ungefiedertes, auf zwei Beinen aufrecht gehendes Tier definieren, aber auch als vernunftbegabtes Tier.

Ich glaube, auch eine Vorform von Amazons Wachstumsschwungrad gefunden zu haben: das Wirkungsdiagramm eines Systems. Das Buch erklärt, wie systematische Analyse zu Problemursachen führt. Die theoretische Grundlage dürfte die Systemtheorie sein; viele Begriffe stimmen überein. Das zentrale Werkzeug ist ein Diagramm, das die Funktionsweise eines Systems zeigt. Daraus lässt sich ablesen, aus welchen Elementen es besteht, ob ihre Beziehungen verstärkende oder ausgleichende Schleifen bilden, welche Ein- und Ausgänge offen bleiben und welche zeitlichen Verzögerungen bestehen.

Die Form ähnelt Amazons Wachstumsschwungrad. Nach genauerem Vergleich dürfte dieses eine Teilmenge solcher Diagramme sein. Es konzentriert sich auf verstärkende Schleifen. Eingangskennzahlen stehen für positive offene Eingänge, ausgleichende Schleifen werden weggelassen. Bestimmte Maßnahmen verbessern etwa die Nutzungserfahrung, wodurch der Marktanteil steigt. Meist folgt eine Reihe verstärkender Zusammenhänge aufeinander. Tatsächlich begrenzen aber auch äußere Faktoren wie die Marktgröße das Wachstum. Diese ausgleichende Logik bleibt verborgen.

Ich vermute, dass diese Konzentration auf den Kern das Werkzeug brauchbarer macht. Es zeigt nur die entscheidende Logik des Produktwachstums. Würde man das vollständige System zeichnen, ließe die zunehmende Komplexität die Verständnishürde stark steigen. Ausdruckskraft und Verbreitung des Werkzeugs wären dann begrenzt. Selbst ein kräftiger Samen kann sich nicht überall verbreiten, wenn ihm ein kostengünstiger Verbreitungsweg fehlt.

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